Landleben in Lancaster County

Nach Stadt, noch mehr Stadt und Strand wollen wir jetzt auf’s Land. Nicht zuletzt, weil wir mit Polly jeden Tag „Hörst Du die Tiere vom Bauernhof“ lesen (Danke Tante Antje). Wird also Zeit für einen Realitätscheck. Gut. Dafür hätten wir nicht nach Pennsylvania fahren müssen, aber jetzt sind wir ja nun mal hier. Und können schon wieder sagen: Alles richtig gemacht. Fünf Gründe warum es sich lohnt, in Lancaster County Urlaub zu machen:

Urlaub auf dem Bauernhof: Die Unterkunft finden wir bei Airbnb – ein echter Glücksgriff! Wir wohnen in einer umgebauten Scheune im Haus von Hilda und Michael und fühlen uns sofort wohl. Auf dem Tisch stehen frisch gebackene Muffins, es duftet nach Zimt und Vanille. Der Kühlschrank ist gefüllt. Mit Milch, Joghurt und Eiern von der Farm nebenan und Hildas selbst gemachtem Granola (Rezept siehe unten). Auf der Terrasse ein Grill und Feuerkorb. Hier sitzen wir morgens mit Kaffee, abends mit Wein und gucken in die Weite. Rund um die Farm ist … nichts. Und das ist toll! Oh doch. Eine Schaukel gibt es. Premiere für Polly. Und für mich mich irgendwie auch. Wir schaukeln um die Wette und sind happy.

 

Zeitreise: Klackklackklackklack. Dieses Geräusch begleitet uns in den nächsten Tagen von morgens bis abends. Klackklackklackklackklack – so klingt es, wenn die Amish People mit ihren Pferdekutschen an uns vorbeifahren. Hier in Lancaster County leben fast 30.000 Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft. Es ist, als hätte jemand an der Uhr gedreht. Sie weit zurückgestellt. Ich fühle mich wie in einem Museumsdorf oder auf einer Zeitreise. Zwei Welten prallen aufeinander. Ständig. Überall.

Amish People (auch Plain People genannt) leben wie vor etwa 300 Jahren. Ganz bewusst zurückgezogen. Einfach und genügsam. Sie verzichten auf (für uns so selbstverständliche) Dinge wie Internet, Fernsehen, Telefon, Strom oder Autos. Die neue, moderne Welt wollen sie nicht in ihr Leben lassen. So leben sie hier Tür an Tür. Bei den Smuckers (unseren Vermietern) steht der Hightech-Kühlschrank und die Kinder sitzen vorm iPad. Bei den Nachbarn nebenan brennt der Ofen und die Kinder spielen im Hof mit selbst gebastelten Tennisschlägern. Hilda fährt mit ihrem Fahrrad zum Einkaufen, Amish People dürfen nur Tretroller benutzen. Michael Smucker mäht den Rasen mit einem Trecker, der Bauer nebenan ist mit einem Pferdepflug auf seinen Feldern unterwegs. Es ist aber nicht so, dass beide Lebensweisen getrennt voneinander stattfinden. Im Gegenteil, sie „vermischen“ sich. Die Amish leben zwar ihr traditionelles Leben, sprechen untereinander das sogenannte Pennsylvania Dutch, tragen immer ihre einheitliche Kleidung, haben ihre eigenen Schulen und halten sich an strenge Regeln, aber sie gehen auch ganz „normal“ einkaufen, in Restaurants essen und zur Arbeit. Dort ist es ihnen auch erlaubt, moderne Geräte wie zum Beispiel elektronische Kassen zu nutzen. Vor den Supermärkten parken Roller und Fahrräder nebeneinander und im Starbucks Drive Thru steht die Pferdekutsche zwischen zwei Pick-ups.

 

Um ein bisschen mehr über das Leben zu erfahren, besuchen wir The Amish Village. Hier lernen wir viel über das alltägliche Leben, über Rituale und Regeln. Besonders interessant finde ich das sogenannte „Rumspringa“. In dieser Zeit (etwa zwischen dem 14. und 16.  Lebensjahr) dürfen Jugendliche sich ausprobieren, für einige Zeit in das moderne Leben eintauchen und dann unter anderem auch im Internet surfen, Auto fahren, Alkohol trinken. Am Ende müssen sie sich entscheiden, ob sie in ihrer Gemeinde mit all ihren Regeln oder doch lieber in der modernen Welt leben wollen. Angeblich entscheiden sich nur gut zehn Prozent für letzteres.

 

Endlose Weiten: Wir wollen nicht nur auf’s Land, um Polly Tiere zu zeigen, sondern auch, weil wir nach den ganzen Städten und Highways Lust auf Landluft und Natur haben. Beides gibt es hier im Überfluss. Die Landschaft ist wunderschön. Friedvoll sagt der Reiseführer. Joa. Passt. Die Straßen schlängeln sich durch die leicht hügelige Landschaft. Ein Maisfeld neben dem anderen, dazwischen Wiesen, auf denen Kühe grasen. Und. Huch. Kamele. KAMELE. Kommen in Pollys Bauernhof-Buch nicht vor. Wir fragen nach und lernen, dass amische Landwirte Kamele melken, weil die Milch so gesund ist. Sie soll unter anderem bei Autismus helfen.

Zwischen all den Felder liegen verstreut Farmen mit (meist weiß angestrichenen) Holzhäusern. Viele haben eine Veranda. Hier sitzen die Leute abends auf ihren Schaukelstühlen und gucken in die Ferne. Dazu gibt es oft noch einen spektakulären Sonnenuntergang. Ja. Friedvoll trifft es.

 

Kleine süße Städte: Wir fahren durch die Gegend und halten an, wo es uns gefällt. Und landen so unter anderem in Bird-in-Hand. Hier laufen wir über den farmer’s market, kaufen Wein bei Waltz Vineyards und essen (richtig gut) im Dienner’s. NOCH besser aber im SquireSide Café in New Holland. Auch hier fühlt es sich ein bisschen so an, als wären wir in einer anderen Zeit gelandet. Dieses Mal geht es aber nicht 300, sondern „nur“ ca. 50 bis 60 Jahre zurück. Auf den Tischen stehen große Ketchup- und Mayoflaschen und Plastikblumen, an den Wänden hängt Kitsch. Am Tresen Männer mit Bier, die laut das Weltgeschehen kommentieren, am Tisch neben uns zwei ältere feine Damen mit Dauerwelle und langen rosa Rüschenkleidern, die genüsslich in ihren Burger beißen und (einen Liter) Cola aus Plastikbechern schlürfen. Ein großartiges Bild.

Einen Ort „müssen“ wir noch besuchen. Lititz. Die Stadt wurde 2013 zur coolsten Kleinstadt der USA gewählt. Ja, ist tatsächlich ganz nett, finde ich. Wahlbetrug, sagt mein Mann.

 

Obst, Gemüse – alles direkt vom Feld auf den Teller: Alles, was die Amish nicht selbst essen, verkaufen sie am Straßenrand. Alle paar Meter kommen wir an – mal großen, mal kleinen – Ständen vorbei. Verkauft werden Mais, Kürbisse, Kartoffeln, Milch, Äpfel, selbstgemachte Marmelade  – ach eigentlich alles. Und alles frisch und gut.

 

Fazit: Hätten wir vorher gewusst, WIE schön es hier ist, hätten wir ein paar Tage mehr eingeplant.


Homemade Granola by Hilda Smucker:

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3 Becher Haferflocken, 1 Becher klein gehackte Nüsse (Walnüsse, Mandeln, Sonnenblumenkerne, Pekannüsse…), 2 Esslöffel Butter, 2 Esslöffel Honig, Zimt. Auf’s Backblech, 45 Minuten in den Ofen (bei kleiner Hitze), ab und zu mal wenden und raus, wenn’s schön knusprig ist. Yummy!

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