ALEKSANDRA MACHT KONFEKT MIT EUCH – Wenn Kleidung Liebe erfährt.

Ich habe Aleksandra durch Zufall getroffen. Sie stand vor mir im Laden, fragte ob Sie Flyer auslegen dürfe. Ich sagte NEIN.

Und änderte meine Meinung ganz schnell wieder, als ich erfuhr, worum es geht. Aleksandra macht KONFEKT, und zwar aus deinen Lieblingsstücken. Wie?! Sie macht das Beste aus deiner Kleidung. Sie stopft Löcher, verziert und flickt. Sie ist eine Retterin.

 

Hallo Aleksandra, stell dich doch mal bitte kurz vor!
Ich bin 37 Jahre alt, bin Mutter von zwei Kindern (8 J. und 3 J.) und habe mal Modedesign studiert. Wir wohnen am östlichsten Rand von Hamburg-
Eimsbüttel und ich teile mir ein Atelier, unsere Schomburg, mit vier tollen Menschen in Altona. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für die Handarbeit, für schöne Stoffreste und für’s Sachen selber machen. Ich liebe gutes Essen. Meine Kinder leider nicht. Weswegen ich viel zu selten leidenschaftlich koche, was ich aber sehr gern tue. Am liebsten für meine liebsten Freundinnen bei Wein und ausgelassener Stimmung. Freunde sind Schätze. Musik ein guter Freund. Ich mag Rap und tanze ziemlich gern. Ich versinke schnell im Chaos und es gibt für mich wenig Befriedigenderes als die Wiederherstellung von Ordnung.

Seit ich Mutter bin, bin ich bemühter, ungewohnte Perspektiven einzunehmen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Natur ist da ein guter Kompass. Die war schon immer da, ist jetzt da und auch zukünftig wird sie irgendwie da sein. Die Natur kriegt alle Erschütterungen über kurz oder lang geregelt. Bei einer Menschheit, die sich tendenziell immer mehr von ihrer Natur entfernt, bin ich mir da nicht so sicher.

 

Was macht Konfekt?
Konfekt habe ich 2013 gegründet, nachdem ich unter dem Namen AtotheZee einige Jahre individuelle Aufnäher aus Leder, meist Schriftzüge, in Manufakturarbeit fertigte. Diese früheren Arbeiten waren stark von Grafitti und „Straßenkultur“ inspiriert. Unter dem Namen Konfekt wollte ich einen neuen, hochwertigeren Designschwerpunkt mit meinen Patches verfolgen. Ich wurde ziemlich bald nach der Gründung mit meinem zweiten Kind schwanger. In meiner Elternzeit verging mir die Lust auf die Mode- und Medienwelt, wo meine Unternehmung ursprünglich positioniert war.
Als Mutter, die ich sein wollte, war der Spagat einfach zu groß. Seit ca. einem Jahr entstehen bei Konfekt u.a. zwar immer noch feine Patches, aber vor einem neuen Hintergrund.

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für die Handarbeit, für schöne Stoffreste und fürs Sachen selber machen.

Ich habe mich auf das Reparieren von Textilien spezialisiert. Ich repariere private Textilien und ich arbeite für Räubersachen, ein wundervolles Unternehmen aus Halle, welches vorwiegend ökologische Kinderkleidung vermietet. Einmal im Monat veranstalte ich die Reparatursprechstunde, einen dreistündigen Workshop. Dazu bringen die TeilnehmerInnen ihre Kaputtis mit und ich vermittele adäquate Techniken zur schönen und möglichst haltbaren Reparatur. Die Stimmung ist immer gesellig, von mucksmäuschenkonzentriert bis schwätzig, von engelsgeduldig bis fuchsteufelsfluchend. Es gibt kleine, von mir vorbereitete Leckereien. Und dann entstehen diese schönen und sehr eigenen Kunstwerke auf Löchern und Flecken, die die Herzen zum Hüpfen bringen.

Wie bist du auf die Idee gekommen Kleider zu „retten“? Und: Ist Nachhaltigkeit generell ein Thema bei dir und deiner Familie?
Auf die Idee Kleider zu retten kam ich eigentlich durch meine Kinder. Kinderkleidung hat für mich oft emotionalen Wert und gute Kinderkleidung ist teuer. Das sind schon zwei Gründe, warum ich die Kleider meiner Kinder versuche, möglichst lange nutzbar zu machen. Außerdem war ich auf der Suche nach einer Arbeit, bei der ich meine Akkus aufladen und mich in Ruhe sortieren konnte. Es gab und gibt immer mal wieder hohe Defizite in meinem Energiehaushalt und die Zeit neben Familie und Beruf reichte nie aus, um ein gutes Gleichgewicht herzustellen. Also war die berufliche Textilreparatur für meinen persönlichen Hintergrund eigentlich eine ziemlich logische Konsequenz, dem Ganzen eine berufliche Perspektive einzuräumen. Das verdanke ich Astrid Bredereck und Räubersachen. Räubersachen hat mich zu genau dem richtigen Zeitpunkt abgeholt und mir eine neue Sicht auf die Reparatur von Kleidern eröffnet. Bei Räubersachen wird das Thema der Kleiderpflege und -reparatur auf eine besonders schöne und anspruchsvolle Art nach außen getragen.

Nachhaltigkeit bedeutet für uns zu Hause, generell Energie zu sparen und funktionierende Kreisläufe am Leben zu halten. (Das lässt sich auf aktiven Umweltschutz übertragen genauso wie auf gesunde Beziehungen, die uns zusammenhalten. Ich glaube, dass es nachhaltig ist, wenn Gefühle ausgelebt werden dürfen).

Ich glaube, dass es nachhaltig ist, seine Werte, seine Stärken und Schwächen, seine Bedürfnisse und Grenzen zu kennen und dafür zu sorgen, dass sie wahrgenommen werden. Aufmerksamkeit und Kreativität sind für uns nachhaltig. Übermäßiges Konsumieren ist nicht nachhaltig, Leistungsdruck und andauernde Erschöpfung sind auch nicht nachhaltig. Wir sind keine Übermenschen und die Ansprüche werden mal mehr, mal weniger tolerant an unsere Familienrealität angepasst. Ich glaube, dass Haltung sich nicht einfach an- und ausziehen lässt, sondern Zeit zum Wachsen braucht.

Die Natur ist da ein guter Kompass. Die war schon immer da, ist jetzt da und auch zukünftig wird sie irgendwie da sein. Die Natur kriegt alle Erschütterungen über kurz oder lang geregelt. Bei einer Menschheit, die sich tendenziell immer mehr von ihrer Natur entfernt, bin ich mir da nicht so sicher.

Wie probierst du nachhaltiges Verhalten in deinem Leben umzusetzen?
Ich verfolge mit großem Interesse die Zero Waste Bewegung, aber wir leben das selber nicht radikal. In Vielem sind wir zu bequem oder zu unorganisiert. Blöd ist vor allem, dass vor unserer Haustür ein REWE lauert. Etabliert sind Stoffbeutel zum Einkaufen und das Nachfüllen von Waschmitteln und Putzmitteln und Mandeln. Geduscht wird ausschließlich mit Seife und auch ein festes, verpackungsfreies Shampoo ist Standard. Wir essen wenig Fleisch und viel Bio.  Wir kaufen kaum neue Kleidung, aber mögen Flohmärkte oder leihen uns Sachen. Und natürlich versuchen wir, Kaputtes zu reparieren. Wobei das leider, seit ich beruflich stopfe, zu Hause viel zu kurz kommt.

Wenn zu Hause etwas neu angeschafft werden muss, halten wir eine Weile Augen und Ohren auf und dann kommt das Baumaterial auch schonmal von der Straße (Baustellen, Rausgeworfenes). Es liegt so viel rum, was noch brauchbar ist. Über Selbstgemachtes freuen wir uns dann besonders und auch lange.
Wichtig und oft unterschätzt zum Thema Nachhaltigkeit finde ich aber, dafür zu sorgen, dass wir gesund bleiben, körperlich und seelisch. Das sehe ich als größte Herausforderung, weil sich meine Grenzen da ganz schön gut verstecken. Oft fehlt mir die Konzentration und das Chaos nimmt Überhand. Oft hetze ich durch den Tag, ärgere mich über das was nicht funktioniert, bin ungeduldig mit mir und meinen Liebsten. Das frisst unglaublich viel Energie, die einfach verpufft und nur schlechte Laune übrig lässt. Oder auch einer Erkältung den Weg ebnet. Sich zu sammeln, überlegt zu reagieren und zu handeln, liebevoll zu sein, das frisst auch Energie, vor allem Geduld, aber ein freundlicherer Umgang erneuert sie auch. So eine Rechnung geht längerfristig einfach besser auf.

Kannst du dich noch an das Erste Kleidungsstück erinnern das du gerettet hast und warum.
Uhh, das ist schwer und ich weiß nicht mehr genau, welches das erste war. Aber ich erinnere mich an ein ganz Besonderes. Eine Bluse, die ich von meiner Oma geerbt habe. Eine weiße, weite, kurzärmelige, stellenweise mit wunderschönen Stickereien versehene Baumwollbluse. Eines meiner liebsten Sommerkleidungsstücke in 2006. Ich blieb mit dem Ärmel an der Türklinke hängen und er riss. Ich studierte damals und ich wollte alles immer superordentlich, und nur so „wie es gehört“, nähen. Ein Riss mitten im Stoff passte da gar nicht ins Konzept. Also war ich sehr traurig und hing die Bluse in den Schrank. Wegschmeißen kam natürlich nicht in Frage. Ein paar Jahre hing sie da, bis ich mich traute, mir den Riss vorzunehemen. Die Narbe blieb sichtbar und damit hatte ich ein Problem, also trug ich sie nur Zuhause. Noch ein paar Jahre später betrachtete ich sie und fand die Naht überhaupt nicht mehr auffällig, sie war nicht mehr relevant. Und ich trage die Bluse wieder viel, überall und mit Stolz. Sie wurde fleckig und ich färbte sie blau. Bis heute zählt sie zu den liebsten Schätzen meiner Garderobe und ich glaube, ich werde sie hüten und pflegen, so lange wie ich kann.

Was wünscht du dir für deine Kinder, wenn du gerade in die Zukunft blickst?
Es gibt viele Punkte, die mir besonders hinsichtlich des ziemlich beschissenen Wahlergebnisses am Herzen liegen. Der Wunsch, der die meisten zusammenfasst, ist der, dass die Menschen sich mehr verbinden und nicht nur im Internet. Dass wir in den Dialog gehen mit anders Denkenden, anstatt sie ausschließlich zu beurteilen. Damit meine ich im Übrigen auch die Afd Anhänger, so schwer es einem fallen mag. Die einzige Denunzierung ändert nix. Und da ist meiner Meinung nach das Bildungssystem stark gefragt. Ich wünsche mir, dass das Verständnis für das Fremde auf dem Bildungssektor viel mehr Aufmerksamkeit und Mittel bereitgestellt bekommt. Berührungsdefizite aus Kinder- und Jugendjahren sind im Erwachsenenalter nur schwer aufzuarbeiten. Noch schwerer jetzt, wo von Regierungswegen ein „neuer“ Wind weht.

Der Wunsch, der die meisten zusammenfasst, ist der, dass die Menschen sich mehr verbinden und nicht nur im Internet. Dass wir in den Dialog gehen mit anders Denkenden, anstatt sie ausschließlich zu verurteilen.

Ich bin auf eine Schule gegangen, an der es sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund gab. Es gab auch Kinder mit unterschiedlichsten Behinderungen und Kinder aus unterschiedlichsten sozialen Milieus oder religiösen Abspaltunggruppen. Für mich und meine Mitschüler war es Alltag, mit all unseren Unterschieden gemeinsam zu lernen, kritisch zu sein und Lösungen in Konfliktfällen, von denen es massig gab, zu erarbeiten. Ich war willkommen in vielen Familien, die anders lebten als meine. Und da, wo ich nicht willkommen war, konnte oft geklärt werden, warum das so war. Das hat mein Verständnis von kultureller und sozialer Vielfalt geschult und es wurde kein Hehl daraus gemacht. Das war eine ganz normale Grund- und Gesamtschule an einem sozialen Brennort.
Ich würde mir wünschen, dass es stadteilunabhängig und auch einkommensunabhängig, an ALLEN Schulen eine buntere Durchmischung der Schülerschaft und der Lehrkräfte gibt. Gemeinsames Lernen von der Grundschule an bis in die höheren Klassen. Am besten in großen Gemeinschaften über möglichst lange Zeiträume. Wer heute diese Durchmischung an Schulen sucht, wird konfrontiert mit Systemen, die der Situation einfach nicht angepasst sind. Ob Reformschule, Privatschule oder staatliche Schule. Da wird ein Mangel an Fachkräften auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen und da muss dringend ganz viel passieren!
Und zum Bildungsthema würde ich noch die dringende Bitte an die Beauftragten zufügen, dafür zu sorgen, dass der menschliche Wert nicht mehr allein auf seine Wirtschaftlichkeit reduziert wird. Leider ist das gesellschaftliche Leistungsverständnis stark von Druck und Erschöpfung geprägt und auf Familien wird wenig Rücksicht genommen. Da sehe ich auch so dringenden Reformierungsbedarf. Erholung trägt den Luxusstempel, wir betrachten Erholung als etwas vom Leistungsprozess ausgeschlossenes. Dabei spielt Regenerierung in nachhaltigen Prozessen eine ganz zentrale Rolle. Da ist auch das Gesundheitssystem gefragt. Ich bin unglaublich dankbar, dass Ausfälle (ich, Vater oder/und Kinder krank, Kita zu, Ferien, etc.) von meinem jetzigen Berufsumfeld, das hauptsächlich aus Müttern besteht, verständnisvoll akzeptiert wird. Viele fühlen sich schuldig , wenn sie ausfallen. Dazu die Sorge, liegengebliebene Arbeit nicht aufholen zunnen. Also geht man halbkrank zurück zur Arbeit, die einem nichts Gutes zurückgibt oder schmeißt fiebrig den Haushalt, arbeitet auf halber Kraft oder bricht unter der Überforderung ein.

Zum Bildungsthema würde ich noch die dringende Bitte an die Beauftragten zufügen, dafür zu sorgen, dass der menschliche Wert nicht mehr allein auf seine Wirtschaftlichkeit reduziert wird.

Und ich wünsche mir, dass Kinder entsprechend ihrer Neigungen und Kompetenzen lernen dürfen. ALLE Kinder haben ein Recht auf Kreativität und Begeisterung. Es sind so wichtige Träger einer gesunden und fortschrittlichen Gesellschaft! So viele Kinder werden nicht abgeholt von der Unterrichtsgestaltung, müssen sich ständig überwinden oder zurückhalten bis hin zur Qual! Dabei lernen sie von Natur aus so gerne, nur nicht konform. Für individuelles Lernen muss viel, viel mehr Raum geschaffen werden!

Und last but of course not least: KLIMASCHUTZ NACH OBEN!!!!

Puh, danke dass ich das an dieser Stelle einmal loswerden durfte!

WORD!

Und jetzt noch eine Fanfrage: ich habe auf deinem Instagramprofil gesehen, das du den Aufnäher für die Jacke von Jan Delay gemacht hast. Das muss doch irre gewesen sein, seinen Aufnäher auf einem Cover wieder zu finden.
Mein Freund und seine Gang gestalten seit ca. 15 Jahren Plattencover und ich kenne die Jungs sogar noch länger. Deswegen ist mir in solchen Sachen ein bisschen die Fanperspektive abhanden gekommen. Es ist cool, seine Arbeit auf einem Cover zu wissen, das abertausende von Menschen sehen. Aber glaub ja nicht, dass da irgendwer mal gekommen wäre, der sagte:“ Hab Dich bei Jan auf ́m Cover gesehen, find ich geil, brauch ́ ich auch.“

 

Liebe Aleksandra, vielen Dank, dass du unsere Fragen beantwortet hast. Wir finden dein Konfekt einfach nur toll und wünschen dir ganz viel Erfolg damit!

Und wenn ihr in Hamburg wohnt und auch etwas zu retten habt, könnt ihr jeden ersten Freitag im Monat bei Aleksandra vorbei schauen. Drei Stunden lang zeigt sie euch alles rund ums Stopfen und Sticken.

 

Schreibt ihr ein Email: zaki@knfkt.de oder schaut auf Instagram vorbei: instagram.com/konfekt_hamburg

2 thoughts on “ALEKSANDRA MACHT KONFEKT MIT EUCH – Wenn Kleidung Liebe erfährt.

  1. Hallo Ihr Beiden! Ich bessere meine eigene Kleidung auf ähnliche Weise aus! Es freut mich, dass ich bei Euch Vergleichbares entdecke! Da ich meine Kleidung fast ausschließlich selbst nähe, ist sie mir sehr wertvoll. Ich verwende hochwertige Stoffe und so werfe ich meine Kleider erst weg (Kompost), wenn sie wirklich unbrauchbar geworden ist. Ich denke bei meiner Arbeit auch an die Frauen in Fernost, die für ihre Arbeit einen Pappenstiel bekommen und deshalb auch im wahrsten Sinne „wertlose Fetzen“ produzieren. Auch der Müll aus abgelegten Kleidern ist zu bedenken. Viel Erfolg! Die Gärtnerin mit dem grünen Daumen, die auch näht.

  2. Hey, das klingt ja super! Wir wünschten, wir könnten das auch! Nimmst du Arbeits-Aufträge an?? 😜 Im Ernst- finden wir richtig gut! Und vielen Dank, dass du dir Zeit und Muße für diesen Kommentar genommen hast!! Das freut uns immer sehr!! 💥👌🏻🍀

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